Abb.: Joseph Beuys, Zeige deine Wunde, 1974/75,
Abb.: Städtische Galerie im Lenbachhaus, München



KLAUS HEINRICH


»Ein kastenartiger weißer Raum, mit zwei Schiebebahren, wie man diese in Krankenhäusern für den Transport der Toten verwendet; zusätzlich stehen Instrumente an der Wand und hängen Tafeln an dieser. Das Ganze hat den Fußbodenbelag, den private mit öffentlichen teilen, also einen Teppichboden unter sich. Mehr ist dort nicht zu sehen. Das Merkwürdige ist, es stellt sich ein Schock ein: die Leere des Raumes wirkt bedrückend durch die an den Wänden verteilten, diesen akzentuierenden Gegenständen – nicht deren Arrangement selbst. Diese Anordnung der Gegenstände wirkt in der Leere mit einem Male anmutig, was das einzige dafür passende Wort ist. Die schrecklichen Gerätschaften produzieren – so wie Beuys diese aufgebaut hat – eine er-schreckende Leere, einen erschreckend leeren Raum; indem sie dies tun, werden sie zum anmutvollen Arrangement.

Das ist in verschiedene Richtungen interpretierbar: als Rückfall in Dekorationskunst – dagegen spricht das Bedrückende dieses leeren Raumes; als utopisch – dagegen spricht ihre Augenblicks-Konstellation, die jederzeit rückgängig gemacht werden könnte; sie stehen nicht als die große, sorgfältig kalkulierte Ordnung, sie wirken, als ob sie nur so hingestellt seien.

Aber plötzlich erhalten sie eine andere Wirkung, plötzlich dreht sich etwas in der Weise um, wie aus der Zeit der Vernichtungslager ein jüdischer Witz berichtet. Ein aussortierter, für die Vernichtung bestimmter Häftling soll zwei Lager-verwaltern antworten, welchen von diesen er für den menschlicheren halte. Der Häftling zeigt auf den einen, dieser fragt geschmeichelt: ›Wieso?‹ Der Häftling antwortet darauf: ›Ihr Glasauge blickt mich so menschlich an.‹

Diese schreckliche Geschichte wird plötzlich im Lenbachhaus real, ist in groß vorgestellt. Die anonymen Todestransport-Werkzeuge werden zu etwas, das noch eine Verwandlungs-Möglichkeit hat gegenüber dem eigentlich tödlich leeren Raum, der dort plastisches Ereignis geworden ist. Das ist natürlich etwas anderes als sonst Hohlformen werden, das Gegenteil: der Raum bekommt ein immenses plastisches und skulpturales Gewicht, er scheint alles zu erdrücken und kann doch die paar Werkzeuge nicht wegdrücken. Das ist bei Beuys nicht nur ein spiritueller, sondern auch ein handwerklicher Vorgang, damit eine solche Umkehrung der Realverhältnisse eintritt – ohne diese Umkehrung ist dieses Arrangement nicht beschreibbar.«



Auszug aus dem Schluß der Gedenk-Vorlesung am 27.1.1986
In: Berliner Kunstblatt, 17. Jg., Nr. 57/1988, S. 12-16





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