Abb.: Joseph Beuys, Chaotische Energie, 1968,
Sammlung Feelisch

»Ich hasse die Kunst!«
Zukunftsimpulse im Werk von Joseph Beuys

Von Dr. Hildegard Kurt


Die anthropologische Gestaltungssphäre

Mit äußerster Vehemenz hat Joseph Beuys sich bis zuletzt jeder Beschlagnahme durch die Kunstwelt widersetzt: »Ich übertreibe mal: Die Kunst hasse ich bis zum Gehtnichtmehr, ich meine die zu Ende gegangene Kunst.« (1) Verständlich wird diese Radikalität als Rückseite des bedingungslosen persönlichen Einsatzes und der stupenden methodischen Vielfalt, mit denen Beuys für den Erweiterten Kunstbegriff eintrat, für die Gestaltung der Sozialen Skulptur als eine das Ganze des Gesellschaftsorganismus betreffende Zukunftsfiguration. Dass man, sobald er selbst dem nicht mehr im Wege steht, versuchen würde, Werk und Person zu musealisieren, hat er – nicht ohne Bitterkeit – vorausgesehen: »Die warten nur darauf, dass ich sterbe!« (2)
      Während in der Tat der im herkömmlichen Kunstrahmen präsentierbare Teil des Beuysschen Schaffens, die Objekte, Zeichnungen, Installationen, Environments, inzwischen weithin losgelöst vom Postulat des Erweiterten Kunstbegriffs im Mittelpunkt großer Kunstausstellungen oder gar – wie bei dem unlängst in Berlin eröffneten Hamburger Bahnhof – neuer Museumsgründun-gen stehen, ist es um das, was Beuys selbst als seinen wichtigsten Beitrag zur Kunst sah, nämlich eben diesen Erweiterten Kunstbegriff, vergleichsweise still geworden. Dabei korrespondiert die Idee der Sozialen Skulptur – gemeint ist die Entwicklung und Gestaltung einer menschengemäßen Gesellschaftsform jenseits von Kapitalismus und Kommunismus – unmittelbar mit der Suche nach zu-kunftsfähigen Lebens- und Wirtschaftsweisen.
      War zu Beuys’ Lebzeiten der gesellschaftskritische Diskurs, die Systemkonfrontation der beiden großen Machtblöcke spiegelnd, weithin ideologisiert, hat die mit dem Wegbruch des Realsozialismus einsetzende Auflösung politischer und soziologischer Strukturen jene aus der marxistisch-sozialistischen Tradition hergeleiteten ideologischen Konzepte mit sich gerissen, die bis dato eine intensive Auseinandersetzung mit der »evolutionären Alternative des Dritten Weges« behinderten. Wer heute dem als Konsumismus geographisch und kulturell entgrenzten, blanken Materialismus entgegen-zuwirken sucht, sieht sich genau an dem Punkt, an dem der Erweiterte Kunstbegriff oder anthropologische Kreativitätsbegriff seinen Ausgang nimmt: vor der Notwendigkeit einer tiefgreifenden Reflexion und Neubewertung elementarer Kategorien des gesellschaftlichen Lebens wie Staat, Geld, Kapital, Konsum, Ökonomie oder Demokratie. Mit Verweis auf den Sozialwissenschaftler Wilhem Schmundt sprach Beuys hier von einer "Revolution der Begriffe".
      Grundlage einer solchen Neubestimmung wäre der bewusstseins-geschichtliche Befund, dass der Mensch an der gegenwärtig erreichten Schwelle zwischen der Moderne und der "anthropologischen Gestaltungssphäre" (Beuys) über alle Voraussetzungen verfügt, sich selbst, individuell, als ein schöpferisches Wesen zu erkennen. Die These "Kunst = Kapital" bedeutet, "den Menschen als einen Gestalter darzustellen, der die Strukturen der Wirkungen des Kapitals in der Gesellschaft – also im Wirtschaftsbereich – umbaut in eine Form, die dem Menschen gedeihlich ist." (3)


Freiheit als Einsicht in die Zusammenhänge

Aus dieser Sicht resultieren die ökologischen und sozialen Verwerfungen der sich globalisierenden kapitalistischen Wirtschaftsweise aus dem Versäumnis, eine Gesellschaftsordnung einzurichten, die dem Niveau der erreichten sozialen Evolution angemessen wäre. Und der homo consumens wäre das Produkt einer fehlgeleiteten Selbstwahrnehmung. Seine wirkliche Freiheit erlangt das Individuum erst dort, wo es sich selbst als Creator, als Souverän erkennt, der den sozialen Organismus von seinen Deformationen befreit und zu sich selbst führt. Das eminente Zukunftspotenzial des mit und seit Joseph Beuys Erweiterten Kunstbegriffs kann hier nur angedeutet werden: Ausgehend von der Entwickelbarkeit menschlicher Fähigkeiten und Gesellschaftsformen wird das selbstverantwortliche Individuum zum Gestalter eines neuen Gesellschafts- und Wirtschaftslebens, was ein vertieftes Verständnis von Freiheit – Freiheit als Einsicht in die Zusammenhänge – und von daher die Notwendigkeit einer weiterentwickelten Demokratie impliziert.
      Und was ist mit jenen Gebilden in den Museen, die, dunkel, spröde, in ihrer provokant schäbigen Materialität und scheinbaren Sinnlosigkeit heute kaum weniger quälende Rätsel aufgeben als vor dreißig Jahren? Sie zwingen nachgerade dazu, das Denken in Bewegung zu setzen. Der »möglichst elementare Umgang mit einem Ding« – Anfangsworte auf einer Zeichnung von Beuys aus dem Jahr 1957 – bildet den Gegenpol zur »Revolution der Begriffe«, und das komplexe Spannungsfeld dazwischen weist auf den Preis, um den allein eine menschengemäße Zukunft zu verwirklichen sein wird: die Aktivierung des Willens und der jedem einzelnen Menschen eignenden geistig-sinnlichen Kräfte.



Anmerkungen

  1. Joseph Beuys, zit in: F Groener, R.M. Kandler (Hg.), 7000 Eichen – Joseph Beuys, Köln: König, 1987, S.24.
  2. Joseph Beuys, in: Kunst und Politik Ein Gespräch, hg. v. R. Rappmann, Wangen FIU, 1989, S. 70.
  3. Joseph Beuys, Ein kurzes erstes Bild vom konkreten Wirkungsfelde der sozialen Kunst, Wangen: FIU, 1989, S. 16.



In: Zukünfte, Nr. 22, Winter 1997/98, S. 83 | © Dr. Hildegard Kurt







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